Zeichnung von Rückansicht einer Frau, die sich in die langen Haare greift

Irrationale Angst: Warum sie real ist und was wirklich hilft


Das Wichtigste in Kürze:


  • Irrationale Angst bedeutet, dass eine Angst rational betrachtet nicht zur tatsächlichen Situation passt oder deutlich stärker ist, als die äußeren Umstände erklären würden. Sie ist trotzdem real und kann sehr belastend sein.


  • Betroffene wissen meist, dass ihre Angst sachlich nicht begründet ist. Deshalb helfen Sätze wie „Dafür gibt es doch keinen Grund“ selten.


  • Irrationale Angst kann sich körperlich zeigen, etwa durch Herzklopfen, Zittern, trockenen Mund, Druck im Magen, Enge im Hals oder Schlafprobleme.


  • Häufig reagiert nicht der Verstand, sondern der Körper auf frühere Erfahrungen, Erinnerungen oder unbewusst abgespeicherte Situationen.


  • Im Job zeigt sich irrationale Angst oft in Besprechungen, Vorträgen, Vorstellungsrunden oder Situationen, in denen man sichtbar wird.


  • Mehr Vorbereitung oder fachliche Kompetenz lösen die Angst nicht automatisch, wenn es eigentlich um Bewertung, Sichtbarkeit oder Selbstvertrauen geht.


  • Hilfreich ist, die Angst ernst zu nehmen, ihre Funktion zu verstehen und kleine konkrete Schritte zu gehen.


  • Wer irrationale Angst überwinden möchte, sollte sie zuerst ernst nehmen, statt sie wegzurationalisieren. Erst dann lässt sich verstehen, wovor sie schützt, und so bearbeiten, dass sie sich nach und nach lösen kann.


„Ist meine Angst irrational?“ Wahrscheinlich schon. „Habe ich deswegen weniger Angst?“ Leider nein.

Das ist ja das Ärgerliche an Ängsten: Betroffene wissen sehr genau, dass ihre Angst rational betrachtet nicht begründet ist. Aber trotzdem ist sie da.


Wer Flugangst hat, weiß, dass das Fliegen als die sicherste Art des Reisens gilt. Wer sich vor einer Wortmeldung im Meeting fürchtet, weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen nicht über einen herfallen, wenn man etwas sagt. Und vor einer Präsentation ist klar, dass eine kritische Rückfrage nicht bedeutet, beruflich erledigt zu sein.


Dennoch leiden Betroffene in solchen Situationen unter Herzklopfen, trockenem Mund, Druck im Magen oder dem dringenden Bedürfnis, sich möglichst unauffällig zu verhalten.

Wer dann zu hören bekommt: „Dafür gibt es doch gar keinen Grund“, fühlt sich selten besser. Denn genau das ist der Punkt: Auf der rationalen Ebene ist das längst bekannt.

Die Bezeichnung irrationale Angst ist deshalb ein zweischneidiges Schwert. Einerseits beschreibt sie recht treffend, dass eine Angst aus der aktuellen äußeren Situation heraus nicht unmittelbar nachvollziehbar ist. Andererseits kann „irrational“ auch abwertend klingen, fast so, als sei die Angst eingebildet, übertrieben oder nicht ernst zu nehmen.

Der Begriff kann helfen, rationale und irrationale Angst voneinander abzugrenzen. Er darf aber nicht dazu führen, dass die Angst abgetan wird. Denn irrationale Angst ist real, auch wenn sie rational betrachtet nicht einleuchtet. Und sie erfüllt eine Funktion, selbst wenn diese auf den ersten Blick nicht erkennbar ist.


Was ist irrationale Angst?


Als irrationale Angst wird eine Angst bezeichnet, für die es auf den ersten Blick keinen objektiven oder sachlich nachvollziehbaren Grund zu geben scheint oder deren Intensität nicht im Verhältnis zur tatsächlichen Situation steht.
 
Es geht also nicht darum, ob eine Angst „berechtigt“ ist, sondern darum, ob sie aus der aktuellen äußeren Lage heraus erklärbar erscheint: Wer an der Kante eines hohen Turms steht und droht hinunterzufallen, empfindet eine rationale Angst. Die Gefahr ist offensichtlich, und es ist klar, dass die Angst eine Schutzfunktion hat.


Bei irrationaler Angst ist es anders. Jemand sitzt vielleicht in einem Besprechungsraum, soll vor anderen sprechen, möchte in einer Diskussion die Meinung sagen. Alles objektiv nicht gefährlich. Und trotzdem ist da diese Angst und man kann vielleicht nicht mal genau benennen, wovor eigentlich.

In solchen Fällen scheint die Angst nicht zur Situation zu passen.


Trotzdem wäre es falsch, sie als Unsinn abzutun. Viele Betroffene sprechen von Angst ohne Grund, wenn sie eigentlich meinen: „Ich verstehe den Grund nicht.“ Das ist ein wichtiger Unterschied. In der Regel gibt es nämlich durchaus einen Grund, nur tritt er nicht offen zutage.


Warum „vernünftige“ Argumente so selten helfen


„Mach' einfach.“
„Es kann doch nichts passieren.“
„Du bist doch gut vorbereitet.“
„Du musst einfach öfter üben.“


Solche Sätze sind meistens gut gemeint, aber helfen tun sie nicht. Denn sie wiederholen nur, was Betroffene ohnehin wissen.

Wer Angst hat, obwohl es dazu keinen rationalen Grund gibt, braucht keine Belehrung. Schon gar nicht im Stile von: „Jetzt stell‘ Dich nicht so an.“ Viele Betroffene sind sehr vernünftig. Oft sogar besonders.


Sie sind gewissenhaft, gut vorbereitet, leistungsorientiert und reflektiert. Gerade deshalb leiden sie so sehr darunter, dass sie ihre Angst nicht einfach „wegdenken“ können.


Hinzu kommt, dass die Angst vor allem als Hindernis erlebt wird. Sie hält davon ab, sich zu melden, eine Aufgabe zu übernehmen oder die eigene Meinung klar zu vertreten. Betroffene denken Dinge wie:
„Ich stehe mir selbst im Weg.“ „Andere schaffen das doch auch. Warum bekomme ich das nicht hin?“


In solchen Momenten fällt es schwer, zu realisieren, dass die Angst trotzdem eine Funktion hat. Unser Unterbewusstsein ist bestrebt, uns zu schützen, auch wenn nicht sofort erkennbar ist, wovor eigentlich. Es reagiert nicht nur auf rationale Erwägungen, sondern auch auf körperliche und emotionale Signale.


Deshalb lässt sich irrationale Angst nicht einfach durch „vernünftige“ Argumente aus der Welt schaffen. Auf der rationalen Ebene ist längst alles klar. Entscheidend ist jedoch, auch auf der körperlichen und emotionalen Ebene Sicherheit zu spüren.


Typische Beispiele für irrationale Angst


Irrationale Angst kann in ganz unterschiedlichen Situationen auftreten. Manchmal ist sie eng an einen bestimmten Auslöser gebunden, manchmal zeigt sie sich eher diffus und schwer greifbar.


Typische Beispiele sind:


  • Angst vor dem Fliegen, obwohl rational bekannt ist, dass Fliegen sicher ist
  • Angst vor Menschenmengen
  • Angst vor dem Fahrstuhlfahren
  • Angst vor einer Wortmeldung in einer Besprechung, obwohl fachlich etwas beizutragen wäre
  • Angst vor einer Präsentation, obwohl Inhalt und Thema gut vorbereitet sind


Diese Beispiele haben eines gemeinsam: Die äußere Situation ist keine Erklärung für die Intensität der Angst. Genau das macht sie für Betroffene schwer nachvollziehbar.

Anstatt sich zu fragen, warum man es nicht einfach durchziehen kann oder etwas vermeidet, das andere problemlos schaffen, sollte die eigentliche Frage lauten: „Wovor schützt mich diese Angst möglicherweise?“


Warum der Körper trotzdem reagiert


Auch wenn eine Angst rational nicht einleuchtet, kann sie körperlich sehr deutlich spürbar sein. Herzklopfen, Zittern, trockener Mund, Druck im Magen, Enge im Hals oder Schlafprobleme vor bestimmten Situationen sind schließlich keine Einbildung.


Der Körper reagiert nicht erst dann, wenn der Verstand eine Gefahr sauber begründet hat. Er reagiert auf Stimmungen, Erinnerungen, frühere Erfahrungen und auf Situationen, die unbewusst als riskant oder unangenehm abgespeichert sind.


Gleichzeitig ist nicht jede irrationale Angst auf ein dramatisches Erlebnis zurückzuführen. Häufig sind es auch kleinere Erfahrungen, die prägen können: Eine peinliche Situation, eine harsche Kritik, ein Moment, in dem man sich ausgeliefert, beschämt oder nicht gut genug gefühlt hat.


Aus heutiger Sicht erscheinen solche Erfahrungen vielleicht unbedeutend. Entscheidend ist aber nicht, wie wir sie heute bewerten, sondern wie sie damals erlebt wurden.


Das Unterbewusstsein stellt Verknüpfungen her, die rational betrachtet nicht immer einleuchten. Eine Präsentation kann sich deshalb bedrohlich anfühlen, obwohl sie mit einer früheren Erfahrung scheinbar nichts zu tun hat.


Reine Sachargumente laufen ins Leere, weil es eine Diskrepanz zwischen Verstand und Gefühl gibt. Während der Kopf sagt: „Es ist harmlos“, reagiert der Körper mit: „Sei auf der Hut!“


Wie sich irrationale Angst im Job zeigt


In meiner Arbeit habe ich häufig mit Menschen zu tun, die vor allem im beruflichen Kontext unter irrationaler Angst leiden. Es geht um Situationen, in denen Betroffene sichtbar oder bewertet werden oder ihre Meinung vertreten müssen.


Zum Beispiel in einer Besprechung: Eine Klientin hat fachlich etwas beizutragen. Sie kennt das Thema, hat mitgedacht und sieht vielleicht sogar einen wichtigen Punkt, der bisher fehlt. Trotzdem sagt sie nichts.


Sie wartet auf den richtigen Moment, überlegt, ob ihr Beitrag wirklich klug genug ist, und währenddessen spricht jemand anders weiter. Kurz darauf sagt eine andere Person etwas Ähnliches wie das, was die Klientin im Kopf hatte. Sie ärgert sich über sich selbst, weil sie den Mund nicht aufgemacht hat, kann aber nicht über ihren Schatten springen.


Oder bei einem Vortrag: Die Folien sind fertig, der Inhalt sitzt, die fachliche Kompetenz ist vorhanden. Trotzdem beginnt Tage vorher die Unruhe: „Was, wenn ich den Faden verliere?“, „Was, wenn eine Frage kommt, auf die ich keine Antwort weiß?“, „Was, wenn alle merken, dass ich unsicher bin?“


Auch Vorstellungsrunden können erstaunlich viel Stress auslösen. Während andere locker ein paar Sätze über sich sagen und das vielleicht sogar genießen, fühlt es sich für andere sehr unangenehm an, im Spotlight zu sein.

Irrationale Angst im beruflichen Alltag wirkt von außen betrachtet nicht immer spektakulär, aber Betroffene leiden erheblich darunter.


Angst vor fachlichem Versagen: Warum Kompetenz nicht automatisch Sicherheit gibt


Viele Betroffene hoffen in diesem Zusammenhang, dass die Angst irgendwann verschwindet, wenn sie nur gut genug sind: Noch besser vorbereitet, noch erfahrener, noch fachkundiger.


Das ist nachvollziehbar, aber es ist eine Falle. Wer Angst mit Perfektion bekämpft, gerät schnell in ein endloses Wettrüsten gegen sich selbst. Noch eine Schleife über die Unterlagen. Noch ein Argument. Noch eine Eventualität, auf die man vorbereitet sein könnte. Nur um am Ende trotzdem zu denken: „Was, wenn es nicht reicht?“


Die Angst vor fachlichem Versagen hat selten damit zu tun, dass tatsächlich zu wenig Kompetenz vorhanden ist. Häufig geht es eher um die Frage: „Traue ich mir selbst zu, dass ich gut genug bin?“ Oder: „Was passiert, wenn ich sichtbar werde und jemand nicht einverstanden ist?“


Natürlich ist fachliche Vorbereitung wichtig, aber sie löst nicht automatisch die Angst, (negativ) bewertet zu werden.


Was hilft bei irrationaler Angst?


Wenn Sie sich fragen, was bei irrationaler Angst hilft, besteht der erste Schritt darin, nicht noch mehr gegen sich selbst zu kämpfen. Das bedeutet nicht, sich mit der Angst abzufinden. Aber Selbstabwertung ist kein guter Ausgangspunkt für Veränderung. Machen Sie sich klar, dass es immer einen guten Grund für Ihre Angst gibt, auch wenn Sie ihn vielleicht noch nicht kennen.


Werfen Sie einen genaueren Blick auf folgende Fragen:


  • Wann tritt die Angst auf?
  • Wovor schützt sie mich möglicherweise?
  • Was genau fühlt sich an dieser Situation so unangenehm an?
  • Welche körperliche Reaktion spüre ich?
  • Woher kenne ich dieses Gefühl?
  • Welche Situation vermeide ich?
  • Was kostet mich diese Vermeidung?


Gerade die Frage nach dem körperlichen Gefühl ist oft aufschlussreich. Nicht die äußere Situation ist dabei entscheidend, sondern das, was sie innerlich auslöst: Der Druck im Magen, der enge Hals, die Hitze im Gesicht, das Gefühl, beobachtet zu werden.


Manchmal führt diese Spur zu einer früheren Erfahrung. Manchmal zu einer bestimmten Person. Manchmal zu einer alten Überzeugung wie: „Gib nicht so an“, „Sei bloß nicht peinlich“, „Nimm‘ Dich nicht so wichtig“ oder „Wenn Du auffällst, wirst Du angegriffen.“


Wenn Betroffene verstehen, warum sie in bestimmten Situationen so reagieren, wird die Angst greifbarer und weniger diffus. Dann lässt sie sich besser bearbeiten.


Erste Schritte im Umgang mit irrationaler Angst


Irrationale Angst verschwindet meist nicht allein dadurch, dass man sie verstanden hat. Einsicht ist hilfreich, aber sie ersetzt nicht die Erfahrung, dass eine Situation heute anders ausgehen kann als befürchtet.


Deshalb sind kleine, konkrete Schritte oft wirksamer als große Vorsätze. Wer in Besprechungen regelmäßig schweigt, muss nicht beim nächsten Mal eine Grundsatzrede halten. Ein kurzer Beitrag kann reichen, vielleicht nur eine Frage.


Wer Angst vor kritischen Rückfragen hat, kann sich einen Satz zurechtlegen, der Sicherheit gibt. Zum Beispiel: „Das kann ich aus dem Stand nicht sicher beantworten, ich prüfe es gerne nach.“


Wer befürchtet, bei einem Vortrag den Faden zu verlieren, kann den Einstieg und die Übergänge besonders gut vorbereiten.


Auch die positive Rückschau ist wichtig: Viele Betroffene analysieren im Nachhinein vor allem, was aus ihrer Sicht nicht gut war. Hilfreicher ist es, bewusst festzuhalten, was gelungen ist: Ich habe mich gemeldet. Ich habe eine Frage beantwortet. Ich habe weitergemacht, obwohl ich angespannt war.


Das wirkt vielleicht unspektakulär, aber wer sich das vor Augen führt, realisiert nach und nach: Ich kann trotz meiner Angst handlungsfähig bleiben.


Mein eigenes Beispiel: Flugangst


Ich kenne das Thema nicht nur aus meiner Arbeit. Früher litt ich unter starker Flugangst. Sobald ich einen Flug gebucht hatte, fing ich an, mir Sorgen zu machen. Irgendwann hatte ich genug davon und besuchte ein teures Seminar gegen Flugangst. Geholfen hat es nicht.

Zunächst eröffnete die Seminarleiterin mit den Worten, dass sie es faszinierend finde, wie man sich von einer irrationalen Angst vom Reisen abhalten lassen könne. Damit war der Ton gesetzt. Dann wurde ausführlich erklärt, warum Fliegen sicher ist und wie Flugzeuge funktionieren.

Das war alles richtig, aber darum ging es eben nicht. Mein Problem war nicht fehlendes Wissen über Flugzeugtechnik, sondern dass das Fliegen sich für mich nicht sicher anfühlte.


Erst Jahre später, als ich mich mit den eigentlichen Auslösern beschäftigt und genau betrachtet habe, worum es dabei wirklich ging, wurde die Flugangst spürbar besser.

Ich kann deshalb gut verstehen, dass Betroffene auf Ratschläge wie „Dafür gibt es doch keinen Grund“ allergisch reagieren.


Wann Coaching bei irrationaler Angst sinnvoll ist


Wenn irrationale Angst Sie im beruflichen Alltag einschränkt und Sie feststellen, dass Sie damit alleine nicht klarkommen, kann ein Coaching sinnvoll sein.


Zum Beispiel, wenn Sie trotz Ihrer Fachkompetenz in Besprechungen weniger sagen, als Sie beizutragen hätten.


Oder wenn Sie es vermeiden, vor Publikum zu sprechen, obwohl es für Ihr berufliches Weiterkommen sinnvoll wäre.


Oder wenn Sie nach Gesprächen lange grübeln, ob Sie vielleicht etwas Falsches gesagt haben.


Wenn Sie mit mir arbeiten, werde ich Ihnen nicht einreden, dass Ihre Angst unbegründet ist. Es geht darum, sie ernst zu nehmen, ihre Funktion zu verstehen und Sicherheit aufzubauen. Damit Sie in beruflichen Situationen nicht nur irgendwie durchhalten, sondern präsenter, klarer und freier handeln können.


Wenn sich Ihre Angst vor allem in Meetings, bei Präsentationen oder Wortmeldungen zeigt, können Sie hier mehr über mein 1:1-Coaching bei Redeangst im Job lesen. 
 

Wenn bei Ihnen eher Selbstzweifel und fehlendes Vertrauen in die eigene Kompetenz im Vordergrund stehen, lesen Sie hier weiter: Selbstvertrauen im Job stärken.
 
Ob mein Coaching zu Ihrem Anliegen passt, können Sie am besten in einem unverbindlichen Erstgespräch herausfinden.
Ich freue mich darauf, Sie kennenzulernen!


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