Warum habe ich Redeangst? Häufige Ursachen und was dahintersteckt.

Das Wichtigste in Kürze
- Redeangst entsteht nicht immer durch schlechte Vortragserlebnisse.
- Häufig wirken unbewusste emotionale Trigger.
- Redeangst kann auch plötzlich auftreten.
- Wer die Ursache kennt, kann gezielt etwas verändern.
Viele Menschen suchen die Ursache ihrer Redeangst an der falschen Stelle. Nicht immer steckt ein schlechtes Vortragserlebnis dahinter.
„Ich weiß nicht, wo es herkommt. Ich habe keine Erklärung“, sagt die Klientin. „Die Angst war irgendwie schon immer da. Obwohl ich keine schlechte Erfahrung beim Reden gemacht habe.“
Meine Klientin hat Redeangst und will das endlich in den Griff bekommen. Im Job muss sie häufig vor Publikum sprechen. Es klappt zwar immer irgendwie, aber die Anspannung ist schon Tage vorher so hoch, dass sie kaum schlafen kann.
Wir sind auf der Suche nach dem Ursprung ihrer Redeangst. Hat sie etwas erlebt, das sie eingeschüchtert hat? Sich blamiert? Ist während eines Vortrags etwas Unvorhergesehenes passiert?
Die Antwort ist immer die gleiche: Nein.
Die Klientin ist ratlos. Wieso hat sie Angst vor etwas, das sie gut beherrscht? Wo sie keine schlechten Erfahrungen gemacht hat?
Ich kenne solche Geschichten: Redeangst hat nicht immer einen typischen Auslöser. Die Ursache kann sich so gut tarnen, dass die Angst scheinbar ohne Grund auftritt.
In diesen Fällen gehen wir dem Gefühl auf die Spur, das die Angst im Körper auslöst. Flattern im Bauch, zugeschnürte Kehle, Dröhnen im Kopf – bei jedem ist es anders.
„Feuchte Hände, es rauscht im Kopf“, sagt die Klientin. Ich frage: „Woher kennen Sie dieses Gefühl?“
Es dauert ein bisschen, wir tasten uns vor. Dann sagt sie: „Mir fällt was ein! Aber es hat nichts mit Reden zu tun.“
Es geht um eine Situation, in der sie als kleines Kind mit ihrer Mutter beim Einkaufen nach Ware gegriffen hatte. Unvermittelt und vor anderen Leuten wurde sie deswegen von der Verkäuferin angeschnauzt.
Der Klientin ist damals das Herz in die Hose gerutscht. Sie fühlte sich wie im Spotlight, alle Augen auf sie gerichtet. Feuchte Hände, Rauschen im Kopf.
Redeangst hat nicht immer einen offensichtlichen Auslöser
Bingo. Jahrelang hatte sie nicht daran gedacht. Aus heutiger Sicht ein doofes Erlebnis, aber kein Drama. Mit Reden hat es überhaupt nichts zu tun. Kann das wirklich der Auslöser gewesen sein?
Es kann.
Indem wir Angst bekommen, versucht unser Unterbewusstsein uns zu schützen. Der Zweck besteht darin, sogenannte emotionale Trigger zu vermeiden: Situationen, die denen ähneln, in denen wir - tatsächlich oder vermeintlich - bedroht wurden.
Wenn sie vor Publikum spricht, steht die Klientin im Rampenlicht, die Augen der Zuhörerschaft richten sich auf sie. Vielleicht war das die Parallele zu damals. Jedenfalls haben wir den Auslöser gefunden: Den Ursprung des Gefühls, das sie überkommt, wenn sie öffentlich reden muss.
Ein Ereignis, mit dem wir nun arbeiten:
Wir sorgen durch gezielte Techniken dafür, dass der Gedanke an die Situation auf dem Markt keine unangenehmen Gefühle mehr bei ihr auslöst und sie sich gewissermaßen neutral daran erinnern kann.
Am Ende ist auch die Redeangst verschwunden, was ungläubiges Staunen bei der Klientin auslöst: „Ich hätte nie damit gerechnet, dass das die Ursache sein könnte!"
Mit dem Verstand können wir oft nicht nachvollziehen, welche Zusammenhänge unser Unterbewusstsein herstellt. Trotzdem gibt es Wege, die Ursachen eines Problems zu erforschen und zu erkennen.
Wenn wir die Gründe kennen, warum wir vor etwas Angst haben, können wir uns und unsere Reaktionen besser verstehen. Und wir können die Gründe beseitigen.
Häufige Ursachen für Redeangst
Auch wenn die Ursachen ganz individuell sind, gibt es bestimmte Mechanismen, die die Entstehung von Redeangst begünstigen können. Dazu gehören zunächst offensichtliche Dinge wie unangenehme Erfahrungen in der Schule oder im Studium, die die Betroffenen in Redesituationen gemacht haben. Danach hatte die Klientin im Fall oben erfolglos gesucht, bevor wir den eigentlichen Auslöser gefunden hatten. Häufig liegen die wahren Ursachen tiefer und sind weniger offensichtlich. Sie lassen sich oft in folgende Kategorien einordnen:
- Bloßstellungssituationen in der Vergangenheit,
- regelmäßige Kritik an den Betroffenen,
- hoher externer Erwartungs- und Leistungsdruck,
- Erfahrung von Kontrollverlust seitens der Betroffenen,
- hohe Ansprüche an die eigene Leistung.
Ein Zusammenhang zwischen solchen Erlebnissen und Situationen, in denen Redeangst auftritt, zeigt sich jedoch oft erst nach einer gezielten Spurensuche.
Warum Redeangst plötzlich auftreten kann
Wenn es konkrete Auslöser für Redeangst gibt - warum tritt das Phänomen dann trotzdem manchmal erst viele Jahre später auf? Das fragen sich viele Betroffene.
Die Gründe, weshalb Redeangst verzögert auftreten kann, sind vielfältig und sehr individuell.
Eine wichtige Rolle spielt die allgemeine Stressbelastung: Wer insgesamt unter Druck steht und chronischen Stress hat, ist weniger resilient. Dann können Situationen, die früher leichter weggesteckt wurden, plötzlich zur Belastung werden. Deshalb ist es kein Zufall, dass viele Betroffene von Redeangst von einem insgesamt hohen Stresslevel berichten, als die Angst erstmals aufgetreten ist.
Auch unangenehme Erfahrungen im aktuellen Job oder im Privatleben können dafür sorgen, dass Betroffene sich plötzlich unsicher fühlen. In solchen Momenten treffen Ängste auf einen fruchtbaren Boden.
Und manchmal ist es einfach so, dass die Betroffenen jahrelang keine Situation erleben, die - aus Sicht ihres Unterbewusstseins - vergleichbar ist mit dem Moment, als die Angst entstanden ist. Dann gibt es keinen emotionalen Trigger, der den Schutzmechanismus des Unterbewusstseins und damit eine Angstreaktion auslöst.
Weil sich die Einordnung, was als bedrohlich empfunden wird, und was nicht, dem bewussten Verstand oft entzieht, kann es dann zu einem plötzlichen Auftreten von Redeangst kommen, das die Betroffenen überrascht.
Wie Sie sich in solchen Fällen kurzfristig selbst helfen können, wenn Sie unter Redeangst leiden,
erfahren Sie in diesem Beitrag.
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